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Polnischer Botschafter in Deutschland: "Meine Erfahrungen sind gut und schlecht"

PR dla Zagranicy
Joachim Ciecierski 30.12.2016 10:09
"Ich habe viele Gespräche geführt, weil ich die wichtigsten Politiker getroffen habe. Meine Erfahrungen sind unterschiedlich."
Der Professor für Geisteswissenschaften Andrzej Przyłębski wurde im Juli 2016 zum Botschafter in Deutschland ernannt. Der Professor für Geisteswissenschaften Andrzej Przyłębski wurde im Juli 2016 zum Botschafter in Deutschland ernannt. http://www.berlin.msz.gov.pl

"Ich habe viele Gespräche geführt, weil ich die wichtigsten Politiker getroffen habe. Meine Erfahrungen sind unterschiedlich, gut und schlecht" - sagte der polnische Botschafter in Deutschland Prof. Andrzej Przyłębski* in einem Interview für die Polnische Redaktion der Deutschen Welle.

Die Deutsche Redaktion des Polnischen Rundfunks hat das DW-Interview übersetzt.

DW: Wir stehen vor dem Ende des Jubiläumsjahres - dem 25. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags. Wie beurteilen Sie die deutsch-polnischen Beziehungen?

Andrzej Przyłębski: Im Allgemeinen gut. Diese 25 Jahre waren sehr wichtige Jahre für die deutsch-polnischen Beziehungen, die viele Sachen geregelt haben und es Polen erlaubten wieder in die westliche Gemeinschaft einzutreten - die NATO und die EU. Im letzten Jahr traten kleine Spannungen in Zusammenhang mit dem Machtwechsel in Polen auf, es gab einen Mangel an Verständnis für diese Veränderung aber langsam glaube ich, dass einige Dinge klargestellt werden und nach den ersten Monaten der Kritik von Seiten deutscher Politiker, ist sie jetzt nicht mehr vorhanden. Politiker in Deutschland beobachten was passiert und ich würde sagen sie versuchen die Situation zu verstehen und als dauerhaft zu betrachten. Ich habe auch den Eindruck, dass manche Änderungen in Polen auf Akzeptanz treffen und sogar mit Anerkennung angenommen werden.

DW: Ich denke, dass diese erste Kritik ein Zeichen der Fürsorge war. Beunruhigender wäre eine Haltung der Indifferenz.

AP: Das verstehe ich auch so. Ich bedauere nur, dass das Niveau einer solchen Analyse manchmal sehr oberflächlich ist. Ich lese sehr oft Äußerungen, wie letztens ein Kommentar einer deutschen EU-Parlamentsabgeordneten: "Die grundlegende Verletzung europäischer Werte." Solche Aussagen sind wie ein Hammer, ohne genau zu sagen, um was es überhaupt geht, was genau für Werte verletzt werden. In der Krise um das Verfassungsgericht herum wird versucht die ganze Schuld auf die Regierungsseite zu schieben; das ist aber sehr unfair und zeigt ein Missverständnis des Phänomens, mit dem wir es in Polen zu tun haben. Der Ausgangspunkt der Krise war ein ganz anderer, und das war nicht so, dass man gesagt hat: "Gut, ein Fehler wurde begangen aber wir müssen ihn einfach vergessen." Nein, denn dieser Fehler verursachte Folgen und deshalb musste die ganze Angelegenheit in eine andere Richtung gekehrt werden. So kam es zu der ganzen Krise, weil ein bestimmter Teil der Rechtsanwaltsgemeinschaft sich mit den Folgen der souveränen Entscheidung des Parlaments nicht abfinden wollte, aber meiner Meinung nach naht diese Krise bereits ihrem Ende.

Aber wenn über den Bruch irgendwelcher grundlegenden europäischen Werte gesprochen wird, dann rege ich mich ein wenig auf, weil man zuerst darüber nachdenken sollte, was denn diese Werte sind, wie die Gültigkeit ihrer Struktur festlegt wird. Jede Situation erfordert einer Gesinnung. Man kann nicht im Voraus und von vornherein über etwas entscheiden. Kanzlerin Angela Merkel war auch an einige Regeln des Dublin-Abkommens gebunden aber aus existenziellen und ethischen Gründen hat sie diese gebrochen und Flüchtlinge trotzdem eingeladen. Wir verstehen das und sagen deshalb nicht, dass die Grundsätze verletzt wurden. Nein, wir verstehen warum es passiert ist und jetzt müssen wir irgendwie damit zurechtkommen. Im Fall Polens möchten wir natürlich dasselbe Verständnis von deutscher Seite oder dem EU-Parlament sehen.

DW: Gleich nachdem sie zum Botschafter ernannt wurden haben sie der Nachrichtenagentur AFP gesagt, sie werden in Deutschland jeden Tag mit einem falschen Bild Polens konfrontiert und das es ihre Aufgabe ist dieses Image zu korrigieren. Was ist das wahre Image Polens?

AP: Es ist ein Polen, in dem die Öffentlichkeit nach acht Jahren katastrophaler Regierung verstanden hat, dass unter der Staatsführung der Bürgerplattform (PO) unser Land weiterhin gespaltet wurde, die Reichen sich bereicherten und die Armen immer ärmer wurden, dass die Staatsmacht geschwächt wird, indem in kleineren Städten Polizeistationen geschlossen werden, dass die Menschen sich nicht sicher fühlen, dass unsere Armee so schwach ist, dass wenn uns Russland angreifen würde, dann bräuchte es zwei Tage um Warschau einzunehmen.

Wenn es um das Schulwesen geht - und ich bin ein Universitätsprofessor, also weiß ich was ich sage - so kann man klar und deutlich feststellen, dass die Vorbereitung der Jugendlichen, die auf Hochschulen studieren möchten, immer schlechter wird. Der Grund dafür sind noch die Reformen, die vom Minister Handke eingeführt wurden. Ich habe mich damals über diese Reformen gefreut, weil ich dachte, dass dies ein Schritt in die richtige Richtung sei, aber jede Reform kann, meiner Meinung nach, kritisch bewertet werden und man kann sie rückgängig machen.

Diese allgemeine Einschätzung hat dazu geführt, dass die Bevölkerung die Macht einer anderen politischen Formation anvertraut hat, die nicht nationalistisch oder fundamentalistisch ist sondern versucht den Staat zum Wohl der Gesellschaft neu zu gestalten. Schon die ersten Reformen haben bewirkt, dass das Volk die neue Realität zu schätzen weiß. Diese Unterstützung liegt nach wie vor bei 40 Prozent, was bei einem solchen Angriff der Medien und der Opposition ungewöhnlich ist. Die Bevölkerung sieht also, dass eine positive Veränderung möglich ist. Sie wäre vielleicht auch schneller und einfacher durchzusetzen ohne die ständigen Angriffe. Daher sind die Reformen langsamer, sie werden abgestimmt, um weiteren Provokationen vorzubeugen.

Aber zurück zum Abbild meines Landes, das ich vertrete. Es ist ein Bild Polens als ein europäisches Land, dazu ein Land, das nicht gedankenlos mit dem Mainstream fließen will, sich allem anpassen will, was im Westen schon vorhanden ist und das nur aus dem Grund weil es irgendwo im Westen ist, sondern ein Land, das seine Identität bewahren will und das Reichtum Europas in der kulturellen Vielfalt jedes Mitgliedstaates sieht und zugleich durch bestimmte EU- Zugehörigkeitsprinzipien vereint ist. Nur, dass diese EU-Prinzipien immer interpretiert werden und diese Interpretation, die jetzt dominiert, Polen in ihrer Allgemeinheit nicht gefällt.

Wenn wir für etwas kämpfen werden, dann dafür, dass der Rahmenvertrag eingehalten wird, das heißt also die EU hilft nur dort, wo der Staat nicht im Stande ist oder dann, wenn etwas seine Fähigkeiten überschreitet. In anderen Bereichen hingegen entwickeln wir uns unabhängig. Schon Papst Johannes Paul II, der schließlich ein großer Befürworter der EU war, sagte, dass das Reichtum Europas im Reichtum der Länder und Kulturen liegt.

DW: Glauben sie, dass die deutschen Partner das verstehen werden? Als Reaktion auf den aggressiven Ton in den deutschen Medien haben sie zu einem Dialog aufgerufen. Seitdem sie Botschafter sind, haben sie über das letzte halbe Jahr hinweg die Möglichkeit gehabt an vielen Gesprächen teilzunehmen.

AP: Ja, ich habe sehr viele Gespräche mit den wichtigsten Politikern geführt. Meine Erfahrungen daraus sind unterschiedlich, gut und schlecht, aber es gibt darunter weniger gute, denn als ein Mensch, der in Polen lebt, und jetzt als Botschafter dieses Landes, gehe ich davon aus, dass ich eine primäre Quelle für Informationen aus Polen bin. Manchmal war es aber so, dass ich zu einem Treffen kam und mir wurde aufgedrängt was in Polen passiert. Als Botschafter wurde ich nicht nach einer Erklärung zu bestimmten Phänomenen gefragt sondern angewiesen, was in Polen vor sich geht.

Ich sehe dann sofort wie oberflächlich solches Wissen ist, aber als Diplomat stelle ich es nicht in Frage sondern ergänze es nur. Ich sage: wissen Sie, in der Regel haben sie ja recht, aber ich würde hier noch einen solchen Aspekt sehen oder würde etwas hinzufügen. Sowas wird allgemein akzeptiert aber das ist das Minimum, das ich tun kann. Ich hoffte, dass dieser Dialog mehr offen sein wird und dass der Gesprächspartner auch wirklich zuhört, was die andere Seite zu sagen hat.

DW: Was sind ihre anderen Prioritäten und Pläne?

AP: Hauptsächlich beschäftige ich mich damit das Image Polens ständig zu verbessern, das ist die oberste Priorität. Deshalb spreche ich mit jedem, der mich aushören möchte und versuche zu erklären, dass in Polen nichts Schlimmes passiert, dass alle bald sehr zufrieden sein werden mit dem was in Polen stattfindet. Zur Priorität gehört auch der Bau der Botschaft. Nach vielen Jahren ist es uns gelungen die alte Botschaft, in der wir nicht mehr arbeiten konnten, auseinander zu nehmen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die neue im Jahr 2019 geöffnet. In den Jahren 2019-2020 werden die Arbeiten an der Straße Unter den Linden abgeschlossen. Die Umgebung soll wieder hinreißend aussehen, deshalb kann Polen dort kein Loch hinterlassen, weil es ein Affront wäre.

DW: In Zusammenfassung, wie beurteilen sie das Jahr?

AP: Es war ein gutes Jahr, aus dem Grund, dass dank diesem Jubiläums viele Veranstaltungen stattgefunden haben, die Mehrheit davon in Deutschland. Erst gab es den Regierungsbesuch, dann Regierungskonsultationen, den Besuch des Präsidenten Duda, danach des Präsidenten Gauck in Polen. Das Jubiläum wurde auch von der Stiftung für die Deutsch-Polnische Partnerschaft und den deutsch-polnischen Jugendaustausch gefeiert, es gab sehr viele Ereignisse. Unsere Botschaft hat zwei Konferenzen organisiert, Veranstaltungen wurden von den Konsulaten organisiert. Ich selbst habe die Ausstellung "Polen und Deutsche, 25 Jahre Partnerschaft" in Stuttgart eröffnet und in Berlin die Ausstellung "Wie ein Phönix aus der Asche" über der Wiederaufbau von Warschau.

Es war ein sehr intensives Jahr. Der Höhepunkt war das spontane Konzert des Posener Philharmonie-Orchesters in Berlin im Roten Rathaus mit dem Gewinner des letzten Wieniawski Wettbewerbssiegers - Veriko Tchumburidze. Es ist uns gelungen den Präsidenten Duda und Gauck einzuladen, alle Gäste waren begeistert.

Interview von Elżbieta Stasik

*Der Professor für Geisteswissenschaften Andrzej Przyłębski wurde im Juli 2016 zum Botschafter in Deutschland ernannt. Er ist unter anderem Vizepräsident des Polnischen Phänomenologie-Verbands, Mitglied des Programmrats der "International Hegel-Society" und der deutschen "Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie". In den Jahren 1996-2001 war er Berater für Kultur und Wissenschaft in der polnischen Botschaft in Deutschland.

Übersetzung: Piotr Siemiński

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